Eltern

oder

Das magst du doch

von

Markus Euler

 

"Meine Mutter hat immer gesagt..." So beginne ich gewöhnlich Aussagen, die ein wenig witzig sein sollen. Ein wenig. Nicht zuviel, ich will die Menschen ja nicht überfordern und vor allem nicht für oberflächlich gehalten werden.

Ich habe mal gesagt, dass ich gerne ein Buch schreiben will mit dem Titel 'Die Sprüche meiner Eltern'. Ich habe mal gesagt, dass ich von meinen Eltern nicht so viel auf meinen Lebensweg mitbekommen habe, aber eine ganze Masse von Sprüchen. Das habe ich mal gesagt, als meine Mutter mit im Raum war. Wie unachtsam. Wie undankbar. Was denke ich mir überhaupt? Hat sie nicht mit mir in den Wehen gelegen?

 

Seit ich immer mehr Freunde habe, die Kinder kriegen, gelingt mir ein anderer Blick auf Eltern. Sicher ist es einfach sie zu kritisieren. Sicher haben sie viel falsch gemacht. Aber ich bin immerhin noch am Leben. Ein Freund, er ist Schauspieler und hat noch keine Kinder, hat einmal gesagt, er habe keine Lust von seinem Vater immer wieder zu hören, dass er ihm ja schließlich immer den Arsch abgeputzt hat.

Sein Schulfreund, auch er ist mir bekannt, ist jetzt Psychologe und hat ein Kind, erwiderte darauf: 'Das ist halt wirklich so.' Er kam grade vom Wickeln seines Sohnes. Du kannst es drehen oder auch nicht, deine Eltern haben ihren Job gemacht und du bist der Letzte, der als Kritiker dafür taugt.

 

Thomas wohnte in Berlin. In Kreuzberg. Um in sein Bett zu kommen, musste er immer über die Reste des Tages steigen. Halbvolle Bierflaschen hatten hier ein Rendezvous mit benutzten Pizzakartons, die eifersüchtig auf die Verpackungen des chinesischen Essens schielten und von den sonstigen Resten schwiegen. Der Fußboden war nur noch undeutlich zu erkennen und in der Luft lag ein Duft von entspannter Verwesung. Hier sagte er, fühlte er sich wohl.

Denn er hatte die tiefe Gewissheit: Hier kommt meine Mutter niemals her.

 

Kafka schrieb hundert Seiten an seinen Vater. Wirklich erreicht haben sie ihn nie. Sind steckengeblieben in Literatur. Wie Kafka selbst.

 

Wenn ich an meine Eltern denke, weiß ich niemals, was ich fühlen soll.

Dankbarkeit?

Sie haben meine Krankheiten mit mir durchgestanden. Mich auf die beste Schule geschickt, die sie vermochten. Mir Nachhilfe bezahlt, Kleider, Nahrung und Obdach gegeben. Aber haben sie mich verstanden? Haben sie sich überhaupt Mühe gegeben mich zu verstehen? War ihnen bewusst, dass da ein Mensch in ihrer Obhut aufwächst, der mehr braucht als die materiellen Grundlangen, um wirklich zu wachsen?

 

Es war vor Weihnachten. Einmal im Jahr gab es ein Theaterstück für Kinder. Meine Eltern brachten mich hin. Und wollten dann mal allein in die Stadt gehen. Verständlich nicht immer ein Kind im Schlepptau haben zu wollen, das quengelt. Das irgendwas haben will. Das Aufmerksamkeit verlangt. Das da ist.

Jetzt ist es nicht da. Jetzt sitzt es im Theater. Ich sitze drin. Mein Eltern vermuten, dass das Stück zwei Stunden dauert. Es beginnt um 15 Uhr. Sie versprechen mir mich um 17 Uhr wieder abzuholen. Im Theaterstück geht es um Ausländerfeindlichkeit und dass das doch nicht notwendig ist. Kinder haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Die Kindertheatermacher wissen das. Das Theaterstück dauert nur eine Stunde. Ich kann schon die Uhr lesen. Ich weiß, dass meine Eltern erst in einer Stunde kommen. Eine Stunde warten ist eine unendlich lange Zeit. Ich wünsche mir einen Ausweg.

Da kommt eine Bekannte auf mich zu. Ich erzähle ihr mein Problem. Sie bietet mir an, mich nach Hause zu bringen. Scheint mir eine gute Lösung. Besser als unendlich lang zu warten. Wir laufen nach Hause. Es dauert lange.

Dass meine Eltern zu diesem Zeitpunkt schon anfangen mich zu suchen, dass sie schon viel früher gekommen sind, als sie gesagt hatten, dass sie sich Sorgen und Gedanken machen, davon ahne ich nichts.

Zu Hause rufe ich zuerst meine Großmutter an. Sage ihr was grade los ist. Dann warte ich hier. In meinem Zimmer, das mir alle möglichen Arten der Zerstreuung bietet. Als dann das Telefon klingelt und meine Eltern dran und ganz aufgebracht sind, dass ich nicht auf sie gewartet habe und sagen, dass ich bleiben soll wo ich bin, rufe ich hinterher sofort mein Großmutter an und sage, dass sich meine Eltern aufregen und dass ich Angst habe. Sie kommen heim und beschuldigen mich. Schicken mich ins Bett. Aus meinem Zimmer höre ich noch, wie das Telefon klingelt. Aus dem Gespräch entnehme ich, dass meine Großmutter dran ist. Sie ist auf meiner Seite, was meine Mutter noch mehr aufbringt.

Was war eigentlich geschehen?

Ich war nicht da, wo meine Eltern mich vermuteten. Vermutlich hatten sie Angst. Angst um mich. Anstatt die Angst zu fühlen, suchten sie sich einen Schuldigen und in Ermangelung eines Anderen nahmen sie abermals mich. Das war auch gut, denn ein Schuldiger taugt nichts, wenn man ihn nicht bestrafen kann. Ab ins Bett. Ich weiß noch, wie ich unter der Bettdecke mit Taschenlampe ‚Wickie’ gelesen habe.

Was ist dieses ‚du gehst sofort ins Bett’ eigentlich für eine Strafe?

Was geht in den Elterngehirnen vor, die versuchen ihr Kind so zu bestrafen?

Wieso bestrafen sie in diesem Fall überhaupt?

Es war augenscheinlich eine lässliche Sünde, nicht eine Stunde brav gewartet zu haben. Und sinnlos in Gefahr gebracht, hatte ich mich auch nicht, war nicht mit Fremden mitgegangen und hatte auch sonst nichts angestellt. Aber darum ging es auch gar nicht. Es ging um die Bewältigung der Angst. Kein Fühlen und schon gar kein Mitfühlen.

Das habe ich gut gelernt. Fühlen und Mitfühlen, lernte ich erst als Erwachsener mühsam wie ein neues Alphabet. Und bis heute fühle ich mich unsicher auf diesem Terrain. Es wird immer alles weitergegeben. Man kann es nicht verhindern, höchstens darauf achten, dass die Scheiße immer weiter verdünnt wird.

 

Das versuchen auch meine Freunde bei ihren Kindern. Sie würden es niemals so sagen. Sie träumen von einem freien Kinderaufwachsen mit maximaler Entfaltung der kindlichen Kreativität und voller Entwicklung der frühmenschlichen Lebensfreude. Welche Ideale. Und wenn es ans Essen geht, dann sehe ich, dass da uralte Kräfte am Werke sind.

Oder wie es Ulrich Roski einmal gesagt hat: "Die Vorstellungen über Kinderaufzucht, haben sich ja in den letzten Jahrzehnten immer wieder verändert. Aber eines ist nie so richtig aus den Köpfen der liebenden Eltern zu vertreiben gewesen, nämlich dass ein Kind nur dann gedeiht, wenn es möglich fett und reichlich isst und zwar das was auf den Tisch kommt."

Oder wie Brecht es wesentlich kürzer gesagt hätte, auch wenn er dabei sicher nicht an die verwöhnten Kinder unserer Zeit gedacht hat: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Und tatsächlich, wenn ich am Mittags- oder irgendeinem sonstigen Tisch mit meinen befreundeten Eltern sitze, höre ich immer wieder Dialoge wie diese: ‚Willst du nicht doch noch was essen?’ ... ‚Hier das hier, dass magst du doch.’ ... ‚Du hast doch noch gar nichts gegessen.’ ... ‚Nachher gibt’s aber nichts mehr.’ ... ‚Erst musst du was Richtiges essen, dann gibt’s Schokolade.’

Wie, das sind gar keine Dialoge?

Stimmt, was die Kinder sagen auf diese Anreden, ist ohnehin ohne Belang, daher haben sie es sich vernünftigerweise abgewöhnt auf solcherlei Ansprachen zu antworten.

 

Es braucht jetzt hier mehrere Einschübe. Zunächst muss ich mal meine Eltern von jeglichen Vorwürfen in diesem Bereich freisprechen. Ich musste niemals auch nur irgendetwas essen. Niemals meinen Teller leer essen. Wurde niemals getriezt, was das Essen anging.

Meine Eltern waren der festen Überzeugung, dass ich schon Essen würde, wenn ich Hunger hätte und dass sie mich in diesem Bereich zu nichts zwingen wollten. Ob diese Lockerheit allerdings zu meiner guten Einstellung zum Essen und zu meinem gesegneten Appetit führten oder ob mein gesegneter Appetit und meine Vielfrassmentalität zu dieser Einstellung meiner Eltern führte, bleibt mangels eines Doppelblindversuchs ungeklärt. Soviel nur, ich habe keinerlei Probleme mit Über- oder Untergewicht und bin meinen Eltern für erwähnte Einstellung, woher sie auch immer kam, dankbar.

Zum Aspekt des 'möglichst fett und reichlich essen' aus dem Roski-zitat sei gesagt, dass meine Freunde natürlich samt und sonders der Öko- und Bio-Fraktion angehören und von daher natürlich niemals ihre Kinder etwas Fettes essen lassen würden. Es geht vielmehr um gesunde Dinge. Wobei was gesund ist, natürlich ‚das allwissende Eltern’ bestimmt. An allem anderen sei es Schokolade, Fleisch oder sonstigen Süßigkeiten werden die Kinder knapp gehalten. Und dass ist wahrscheinlich genau der Grund, warum sie so sehr darauf abfahren. Das kann ich natürlich nicht beweisen und es ist von daher eine wissenschaftlich nicht fundierte Gefühlsaussage, aber bedenken sie selbst und schauen sie auf das Ergebnis.

 

Ich habe gehört, dass einmal folgende Studie gemacht wurde:

In einem Ferienlager wurde Kindern über eine bestimmte Zeit ein Essensangebot gemacht, das alles umfasste von Hamburgern über Pizza bis hin zu so gesunden Sachen wie Salat. Die Kinder durften essen, was sie wollten. Natürlich verwelkte der Salat der ersten Tage ziemlich schnell, weil alle sich zunächst auf Pizza und Hamburger stürzten. Doch schon in der ersten Woche begannen die Kinder auch andere gesündere Lebensmittel zu essen. Und je länger das Experiment andauerte, desto ausgewogener ernährten sich die Kleinen aus ihrem eigenen Bedürfnis und freien Entscheid heraus. Schließlich waren sie zu einer Ernährung gekommen, die ihnen so kein Ernährungsberater hätte zusammenstellen können, weil sie individuell und gesund war.

Könnte man Kindern in ihrem normalen Umfeld nicht auch diese Freiheit angedeihen lassen?

Natürlich braucht es für solch einen Weg Mut und Vertrauen. Und was immer die Eltern auch in Bezug auf ihre Kinder sagen, sie scheinen ihnen nicht ganz zu vertrauen. Sie scheinen sie für Monster zu halten, die einen Hang zur Selbstzerstörung haben. Vor welcher sie sie natürlich beschützen müssen.

 

Erst musst du was Richtiges Essen.

Tatsächlich sagen auch meine Bio-Freunde 'was Richtiges'. Sie sagen nicht 'was Gesundes', oder 'was Herzhaftes' oder 'keine Schokolade', sie sagen 'was Richtiges'. Dass man damit, das Kind per se entmündigt und sich selbst als Oberhoheit inthronisiert, die weiß was richtig und vor allem was falsch ist, wird geflissentlich übersehen. Mit diktatorischer Gewalt gehen Eltern, die ansonsten zu den Sanftmütigsten zählen hier immer wieder vor. Weil sie denken es gehe darum das Kind, ihr Kind zu retten. Hier das Kind vor sich selbst zu retten.

Vor dem Verhungern.

Vielleicht gibt es so etwas wie einen biologischen Kindverteidigungsmechanismus. Wer die Aggressivität von Muttertieren beim Schutz ihrer Jungtiere kennt, weiß ein Lied davon zu Singen.

Hypothese:

Die Energie, die Muttertieren für die Verteidigung ihrer Brut zur Verfügung steht, ist ab der Geburt in einem Depot gespeichert. Dort wird so lange weitere Energie angesammelt, bis sie gebraucht wird.

Wer ein eindrückliches Beispiel davon verlangt, der sei auf die Menschenmutter verwiesen, die zwei Stunden lang einen Kampf mit einem Berglöwen ausfocht, um ihr 2 Jähriges Kind zu beschützen. (Das ist eine andere, aber wahre Geschichte)

 

Was aber, wenn diese Energie nicht abgerufen wird?

Augenscheinlich baut sich diese Energie nicht einfach wieder ab.

Nein, sie sucht sich ein Ventil und findet dies in Ermangelung äußerer Feinde im Monster im Kinde. Jenem Monster, das nichts oder nicht genug essen will. Dies gilt es zu bekämpfen. Und selbst wenn gutgemeinte Zuseher des Essensdramas meinen, das Kind habe doch jetzt genug gegessen, dann sind diese als Kollaborateure des Monsters zu betrachten und zu bekämpfen, Energie dafür ist ja augenscheinlich genügend da.

 

Das magst du doch

Ich kann gar nicht sagen wie ich mich fühle, wenn ich solcherlei Bezichtigung höre. Ich könnte ausrasten, wahnsinnig werden, schreiend oder wahlweise 'Hosianna' singend durch die Gegend rennen und hätte damit nicht mal annährend ausgedrückt, wie es mir geht. Fangen wir mal mit einer Reformulierung dieser Aussage.

Was höre ich, wenn ich das höre.

Du doofes Kind.... Ich muss vielleicht dazu sagen, dass meine Oma das auch immer zu mir gesagt hat und dass ich auf jeden Fall weiß, nicht erst seit dem Theaterzwischenfall, dass sie mich abgöttisch liebte und dass sie es sicherlich gut gemeint hatte, wenn sie dass sagte. Leider ändert das überhaupt nichts daran was ich fühle, wenn ich das höre.

Was ich da höre ist also:

Du doofes Kind.... Ich weiß nicht, ob Eltern das jemals zu ihrem Kind sagen würden oder ob sie es so meinen, für mich hört es sich einfach so an. Ich glaube, dass alle Eltern ihr Kind sicherlich lieben und auch nur das Allerbeste für es wollen, auch wenn sie so etwas zu ihm sagen.

Aber wenn ich das höre, dann hört sich das für mich so an wie:

Du doofes Kind.... Ich glaube für manche Kinder trifft diese Bezeichnung dann auch zu und sie lassen sich zurecht einschüchtern, durch diese Bemerkung. Doch weiß man hier wieder nicht, was zuerst da war. Die  Henne, also die besorgten Eltern, die ihr Kind der Doofheit bezichtigen und es damit gleichsam haben doof werden lassen oder das Ei, das doofe Kind. Ich tendiere zu Ersterem und das ist sicher auch der Grund warum ich folgendes höre, wenn Eltern zu ihren Kindern sagen: Das magst du doch.

Ich höre:

Du doofes Kind. Warum sagst du jetzt, dass magst du nicht? Du hast sicherlich gar nicht drüber nachgedacht. Jetzt muss ich wieder hier sitzen und dir erklären was ich ...äh... du magst und was nicht.

Warum vergisst du immer was du magst?

Warum muss ich mir das für dich merken?

Und überhaupt, wenn du das gestern gemocht hast, dann hast du das auch heute noch zu mögen. Untersteh dich deinen Geschmack oder gar dich selbst zu ändern.

Ich glaube Diktatoren gehen zaghafter mit ihren Untertanen um, als jene Eltern, die so etwas sagen, mit ihren Kindern. Doch die Kinder von heute sind mit sowas gottseidank nicht klein zu kriegen und lassen sich auch nicht zwingen etwas zu essen oder gar zu mögen, was sie nicht wollen. Und dass ist auch gut so.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017