Unterschätzt

Erkenntnisse angesichts des Frankfurt Marathons

Hallo ihr Lieben,

hier schreibt der Marathon man. Ich habe es geschafft. Ich habe den Euro Marathon Frankfurt als ersten Marathon meines Lebens bestritten und ich bin durchgekommen. Gewiss zuvor hatte ich keine Zweifel, dass ich es schaffen würde, aber fragt mich nicht, was ich bei Km 35 dazu dachte. Aber der Reihe nach.

Der Frankfurt Marathon war mit 9050 Teilnehmern und einer Halben Million Zuschauer ein echtes Großereignis. Eine Vorstellung von der Atmosphäre und den Menschenmassen bekam ich, als ich meine Startunterlagen abholte. Menschen, Menschen, Menschen alles voll mit Menschen. Die Massen strömten in alle Richtungen. Allein das erst mal zu verarbeiten war anstrengend und da war ich noch keinen Meter gelaufen.

Am nächsten Tag war es soweit. Mit gutem Timing holte Dorothee mich ab und im Start Ziel Bereich der Frankfurter Messe trafen wir dann auch meine Eltern (Stefan stieß später noch hinzu). Ich machte mich warm überließ ihnen meine Überbekleidung und machte mich auf den Weg zu meinem Startblock. Allein das war eine Expedition. Wenn sich 9000 Menschen aufstellen und du stehst als Erstteilnehmer relativ weit hinten, dann dauert es bis zu 5 min bis du noch dem Startschuß die Startlinie überquerst. Ich hab den Startschuß nicht mal gehört (Damit dein Zeit trotzdem korrekt gewertet wird hast du einen Chip am Schuh, der deine Zeitmessung erst auslöst, wenn du über die Startlinie gehst.)

Dann ging es los. Bis so eine Masse in Bewegung kommt das dauert. Am Anfang ist es ein einziges Stoßen und Rempeln. Doch auch das ganze Rennen über zieht es sich nicht wirklich auseinander, wie ich es mir vorgestellt habe. Ständig bist du von Läufern umgeben. Ich gehe langsam an, wie ich es mir vorgenommen habe. Doch in dem ganzen Gewusel, kann man die Km-Angaben nicht sehen, sodass ich erst bei Km 3 auf die Uhr sehen kann und feststelle, dass ich zu langsam bin. Daraufhin gebe ich Gas und bin schwups in meinem normalen Lauftempo. Es macht so richtig Spaß, zwischen den Läufern hindurch Slalom zu laufen. Ich bin gut drauf, das Wetter ist prächtig, ich laufe laufe laufe.

Bei Km 10 sehe ich meinen Fanclub (Dorothee, Stefan, Eltern) Dorothee gibt mir eine vorbereitete Trinkflasche, Stefan fotografiert.

Bei Km 25 habe ich die 3:45 Gruppe eingeholt (eine Gruppe eines Lauftreffs, in der 2-3 Läufer ein gleichmäßiges Tempo vorgeben, mit dem man eine Endzeit von 3:45 erreicht) Da denke ich mir, jetzt machst du vielleicht lieber ein bißchen langsam und gibst am Schluß noch mal so richtig Gas. Vielleicht war das ein Fehler.

Bei Km 28, nur 3 Km später muß ich abreißen lassen. Es ist nicht der berühmte Mann mit dem Hammer, ein Hungerast, wie man die Umstellung von Kohlenhydrat auf Fettstoffwechsel bezeichnet, sondern mit tun dermaßen die Beine weh, Schmerzen in den Oberschenkeln, dass ich einfach nicht mehr weiter will.

Bei Km 30 an einer Verpflegungsstelle gehe ich zum ersten mal. Das hat zwar den Vorteil, dass ich mich beim Trinken nichts verschütte, aber das anlaufen danach ist um so härter. Jetzt beginnt für mich die Qual und dieser Marathon erst wirklich, und es sind noch mehr als 12 km bis zum Ziel. Die Läufer, die ich vorhin im Slalom überholt habe ziehen nun alle wieder an mir vorbei. Naja sicher nicht alle, aber mir scheint es zumindest so.

Bei Km 35 schreit ein Zuschauer: „Wer es bis hierher geschafft hat, kommt auch an.“ Er muß meine Gedanken gelesen haben, da hatte ich nämlich übers Aufgeben nachgedacht. Als ich eben unter der Brücke durch bin, hatte ich schon Sehstörungen, schwarze Flecken in meinem Blickfeld. Doch ich laufe immer weiter.

Bei Km 38 der nächsten Verpflegungsstelle, die ich gehend passiere, die große Versuchung. Da steht ein Rückholbus, für alle die es nicht mehr bis zum Ziel schaffen. Ich denke nicht wirklich darüber nach, aber diese verdammten Schmerzen.

Dann kommt mir der Satz: ‘Aufgeben ist keine Alternative.’ Ich hatte ihn einst von Rainer Fischbach gehört, nun ist es meiner. Aufgeben steht nicht zur Debatte. Ich kämpfe, fighte, beiße. Die letzten drei Km gehen noch mal durch die Innenstadt. Schemenhaft nehme ich einen Freund aus dem Frankfurter Freundeskreis und einen aus meinem Lauftreff wahr. Sie feuern mich an, ich gebe noch einmal alles. Ich will durchs Ziel laufen nicht gehen, doch eigentlich ist mir zum Kriechen zu Mute.

Als ich die Ziellinie überquert habe, wird mir auf einmal tierisch kalt, im selben Moment beginnt es zu regnen. Mein Kreislauf stürzt ab. Die Finisher Medaille hole ich mir noch.  Es dauert eine Ewigkeit, so scheint es mir zumindest, bis ich Dorothee finde. Sie gibt mir einen provisorischen Regenumhang, der mich die Kälte erst mal nicht mehr so spüren läßt. Dann gehen wir in die Festhalle, wo der Chill out ist, und ich will mich nur noch setzen. Doch das wollen viele und einen Stuhl zu finden ist nicht einfach. Als es endlich geklappt hat, ich endlich sitze, denke ich es ist vorbei mit mir. Meine Beine fangen an zu Zittern, meine Hände sind nicht mehr nur kalt, sondern ich habe kein Gefühl mehr darin. Dorothee geht meine Eltern holen, mit der Tasche und meine Sportklamotten. Ich mummele mich in meine Klamotten ein, gehe mir unkoordiniert durchs Gesicht, die Salzkrusten, die sich dort gebildet haben bröckeln ab.

An das Folgende kann ich mich kaum noch erinnern. Ich esse und trinke, um wieder zu Kräften zu kommen und beteuere, dass ich sowas nie mehr wieder machen will ( man sollte wohl nie nie sagen). Der Tag endet einigermaßen versöhnlich, indem wir alle gemeinsam essen gehen (das heißt die anderen sind gegangen, ich bin gehumpelt)

Dennoch bin ich nicht ganz zufrieden. Die Zeit spielte eigentlich keine Rolle, aber sie ist mit 4:01,58 Std. so knapp über 4 Std., dass man sich schon ärgern kann. Aber das ist es nicht. Was mir später im Gespräch mit Stefan klar wird ist, ich ärgere mich besonders darüber, dass ich die Aufgabe und die notwendige Leistung für einen Marathon unterschätzt habe. Ich dachte mir das können und machen so viele(Nebenbei bemerkt nur 6500 von 9000 Startern kamen auch an, dass heißt 2500 haben irgendwo auf den Strecke aufgegeben.), da kann ich’s auch und zwar mit Links. Nicht das ich das Training vernachlässigt habe, trotz eines brutalen Einbruchs immer noch um die 4 Std. zu liegen ist o.k.. Aber die Gesamtleistung, die nötig ist um eine solche Strecke zu bewältigen, ist wirklich immens. Die Strapazen, die man auf sich nimmt sind unvergleichlich, von den beiden Blasen die meine kleinen Fußzehen jetzt sind und dem Wolf, den ich mir auf der Innenseite meiner Oberschenkel gelaufen habe, will ich gar nicht erst reden. Jeder, der diese Strecke überwindet, hat eine enorme Leistung vollbracht. Einige, mit denen ich darüber gesprochen habe, haben das zwar wie eine Lappalie abgetan, aber das liegt wohl daran, dass man die Schmerzen und Gefühle schnell wieder verdrängt. Deswegen schrieb ich dies alles noch ganz unter dem Eindruck dieses Tages.

Jetzt ist es ein wenig später und ich kann noch von einem sage und schreibe 4 Tage dauernde Muskelkater berichten, wie ich ihn noch nicht erlebt habe.

Aber warum schreibe ich das alles und vor allem in einem Noyana Rundbrief. Nun zum einen um mich mitzuteilen, denn ‘Noyana lebt in den Texten’. Zum anderen drängte sich mir am Tag danach eine Analogie auf, die mit Noyana zu tun hat und die ich euch gerne mitteilen möchte. Wir sind dabei Gemeinschaften zu gründen und da es schon ein paar Gemeinschaften gibt und immer welche gegeben hat, denken wir, das ist ja alles gar nicht so schwer.

In Wahrheit machen wir da aber einen Mörderjob, der einem alles abverlangt. Das sehen wir dann, wenn einige die Krise kriegen innerhalb dessen. Hier brauche ich keine Namen zu nennen, denn Jeder war schon mal dran. Ich glaube, auch wir unterschätzen immer mal wieder die Aufgabe, die wir uns da gestellt haben. Sicherlich zwischendurch läuft es gut und wir fühlen uns prächtig, aber wenn wir nicht acht geben und die Aufgaben unterschätzen, folgt der Einbruch auf dem Fuß. Das muß nicht sein, wenn wir uns jederzeit der Größe unsere Aufgabe bewußt sind und die daraus nötige Anerkennung für uns und jedem Mitnoyana resultiert. Und sollten wir doch mal an die Grenzen kommen, denkt immer daran:

 

Aufgeben ist keine Alternative.

 

 

 



Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017