Alles nicht so schlimm

Das Trauma einer Kindheit

 

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie ihr als Kinder euch einmal verletzt habt und dann eure Eltern kamen und gesagt haben: „Alles nicht so schlimm.“ „Du brauchst doch nicht weinen.“ oder was bei mir immer dazu kam, ich war ja schließlich ein Junge: „Indianer spürt keinen Schmerz.“ Ja, so etwas habe ich in meiner Kindheit gehört.

Frei nach dem Motto:

Was uns nicht tötet macht uns nur härter.

Die mehr als 20 Jahre danach haben mir allerdings gezeigt:

Was uns härter macht tötet uns.

Aber noch mal zurück zur Kindheit. Was geschieht, wenn ich hinfalle oder mir etwas kaputt geht, wenn ich mich verletze oder Ähnliches. Ich spüre Schmerz. Unser Körper ist so wunderbar ausgestattet, dass ich vielfältige Möglichkeiten haben, diesem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Ich kann schreien, weinen, fluchen, schluchzen und noch viel viel mehr. Aber was geschieht mit unseren Eltern, wenn sie ihre geliebten Kinder so sehen. Sie fühlen mit ihnen. Es gibt eine ganz automatische Empathie, wo Eltern sofort fühlen, was ihre Kinder fühlen. Und dann? Gehen sie hin und sagen zu ihren Kindern: „O weh, das muss ja richtig weh tun. Das ist ja richtig schlimm.“ Nein, sie tun, was sie von ihren Eltern gelernt haben, die auch den Schmerz ihrer Kinder, von ihrem eigenen mal ganz zu schweigen, nicht ertragen konnten. Und sie versuchen ihn irgendwie wegzumachen. Ihr könnt euch sicher noch an das ‚Schmerz-wegpusten‘ erinnern.

Eigentlich eine gute Regung der Eltern. Eigentlich wollen sie, dass es ihren Kindern gut geht. Aber eben nur eigentlich. Denn was passiert im Kind, wenn es diese Aussagen von den Eltern hört. Es hat dieses Gefühl, diesen Schmerz und will ihn ausdrücken. Es weint vielleicht ein wenig und hat das Empfinden, dass ist jetzt wirklich schlimm. Und dann sagen ihm seine Eltern, deren Urteil ein Kind bis zu einem bestimmten Alter nie anzweifelt:

„Das ist alles gar nicht schlimm.“

Wie jetzt? Ist es nun schlimm (so wie ich fühle) oder nicht (wie meine Eltern sagen)?

Ich finde es schlimm, aber meine Eltern sagen, es ist nicht schlimm. Also fühle ich wahrscheinlich falsch. Wahrscheinlich bin ich falsch und wenn meine Eltern merken, dass ich falsch bin, werden sie mich wahrscheinlich weggeben, eintauschen gegen ein anderes Kind (klingt albern, aber unbewußt haben wir alle schon einmal so gedacht). Also versuche ich die Gefühle, die meine Eltern nicht ertragen können, auch nicht mehr zu fühlen. Versuche ein harter Indianer zu werden. Und wenn ich unsere Gesellschaft so ansehe, ist das den meisten von uns, mir eingeschlossen auch gelungen.

Hart gegen die Welt, aber vor allem gegen uns selbst, sterben wir unser Leben vor uns hin. Über 20 Jahre Selbsterfahrung haben mir gezeigt, dass manche Sachen einfach schlimm sind. Manche Dinge und Erfahrungen im Leben kann man nicht einfach wegpusten. Es gilt sie zu fühlen. Sie zu halten, sie zu durchleben, denn das führt uns zum Leben, dass uns weicher und entspannter macht und letztlich wirklich ein Leben ist.

Alleine, in einer Umgebung, in der alle das Gefühlsverdrängungsspiel spielen, ist dieses Vorhaben ziemlich schwer. Daher habe ich ein Leben in Gemeinschaft gewählt, wo ich unterstützt werde Gefühle zu fühlen. Ermutigt werde sie auszudrücken. Wo es eine grundsätzliche Erlaubnis gibt Gefühle, die Schlimmen und die Guten (wenn so eine Aufteilung überhaupt Sinn macht, aber ihr wisst sicher alle was ich meine), zu fühlen.

Darum lebe ich im ZEGG und an Pfingsten wollen wir uns besonders dem Thema des Mitfühlens, der Empathie widmen und unsere Forschung an dieser Stelle auch für andere Interessierte öffnen. Ich freue mich den ein oder anderen dort mit oder in seinen Gefühlen zu sehen oder zu fühlen.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017